Zur Geschichte des Aikido:

O'Senseis Waffenvermächtnis:

von Stanley Pranin, Aiki News

 (Aus: "Der Kreis" 3/89 mit freundlicher Genehmigung von Aiki News)

Wie den vielen Aikido-Übenden bekannt ist, veröffentlichte SAITO Sensei eine fünfbändige Buchreihe in den Jahren 1973-76. Obwohl in den letzten Jahren viele technische Aikido-Bücher geschrieben wurden, waren seine die umfangreichsten und ausführlichsten. Sie beinhalteten zum ersten Mal eine systematische Präsentation der beiden Waffen, die im Aikido am meisten benutzet werden - Jo und Ken (Stock und Schwert).

Zu dieser Zeit wurde kaum verstanden, warum kein anderer hoher Lehrer den Versuch unternommen hatte, sich mit den Aiki-Waffen in dieser Form zu befassen. Es besteht bis heute viel Verwirrung darüber, welche Bedeutung der Begründer Morihei UESHIBA den Waffen beimaß und wann und wen er darin unterrichtete. In der Tat gibt es viele Lehrer und fortgeschrittene Übende, die in der ganzen Welt Iaido praktizieren und glauben, es gäbe eine historische Beziehung zwischen Aikido und Iaido, oder dass der Gebrauch des Schwertes in den beiden Künsten ähnlich bzw. sogar gleich sei.

Drehen wir einmal das Uhrwerk der Zeit zurück und schauen auf Morihei UESHIBAs Wirkungsstätte und die Umstände der Kriegsjahre. Der Begründer entschloss sich 1942 nach Iwama zu gehen, nachdem er seit 1925 in Tokyo gelehrt hatte. Sein Weggang erfolgte mitten im 2. Weltkrieg, und er verließ eine strenge Lehrschule, die aus Klassen an verschiedenen Militärschulen in und um Tokyo bestand. In Iwama (Ibaraki Präfektur) fand er die Ruhe und den Frieden des Landes.

Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er Zeit allein für sich, und obwohl er beinahe 60 Jahre alt war, vertiefte er sich in körperliches und geistiges Training. Zu dieser Zeit war ein Gebiet seiner sich rasch entwickelnden Kunst, auf das er großen Wert legte, das Üben von Aiki Ken und Jo. Einige Leser werden vielleicht wissen, dass früher in den späten dreißiger Jahren Lehrer der traditionellen Kashima Shinto-Ryu Schule regelmäßig das alte Kobukan Dojo besuchten, wo dem verstorbenen Doshu, Kisshomaru Ueshiba und mehreren anderen Schülern die Grundlagen der Schwertpraxis gelehrt wurden. Der Begründer, der selber nicht am Training teilnahm, beobachtete aufmerksam. Dies währte für ein oder zwei Jahre, und die Grundlagen dieser Schule sind an UESHIBAs späterer Schwertarbeit klar zu erkennen. Von dem könnte ebenfalls das Shinkage-Ryu Schwert einigen Einfluss auf seine Technik gehabt haben, da er ein Zeugnis von Sokaku TAKEDA in dieser Kunst in Ayabe im Jahre 1922 empfing.

Als der Krieg schließlich zu Ende war, wurde das Ausüben der Kampfkünste von den GHQ der US-Armee verboten. O Senseis Training war jedoch durch die geographische Isolation von Iwama weitestgehend unbeschränkt. In dieser Periode kurz nach dem Krieg trainierten nur einige wenige Schüler an der Seite des Begründers. Zu ihnen aber gehörten so bemerkenswerte Personen wie Kisshomaru Ueshiba, Koichi Tohei, Tadashi Abe, Morihiro Saito und für eine kurze Zeit auch Gozo Shioda. O Sensei vermittelte Ken- und Jo-Übungen überwiegend während des morgentlichen Trainings. Dies geschah in erster Linie für die Schüler, die bei ihm lebten, während diejenigen, die am Abendtraining teilnahmen, Instruktionen für waffenlose Techniken (taijutsu) empfingen.

Kisshomaru und Tohei blieben für eine Weile in Iwama und nahmen am harten Training teil. Beide bekamen einige Anweisungen für den Gebrauch des Aiki Ken und Jo. Der erstere ging jedoch in den späten 40er Jahren zurück nach Tokyo, wo er bei der Osaka Shoken Company angestellt war. Das Training Toheis hingegen wurde durch den fehlgeschlagenen Versuch, ein Holzkohlegeschäft aufzubauen, unterbrochen sowie durch seine spätere Reise nach Hawaii im Jahre 1953.

Somit blieb SAITO Sensei einer der ganz wenigen Schüler, die regelmäßig trainierten. Als wenn es das Schicksal gewollt hätte, hatte er zudem den Vorteil seiner Arbeit als Eisenbahn-Angestellter, mit einem vierundzwanzig Stunden Arbeitsrhythmus. Dieser erlaubte es ihm, ganze Tage mit dem Begründer zu verbringen. Es war insbesondere während der Morgensitzungen über einem Zeitraum von 15 Jahren, dass O Sensei mit dem Gebrauch von Ken und Jo experimentierte und allmählich sein Können verfeinerte. Sein Partner für diese Übungen war SAITO Sensei. Im Gegensatz dazu lehrte der Begründer den Gebrauch der Waffen in keiner systematischen Art außerhalb von Iwama und untersagte ihren Gebrauch im Hombu-Dojo in Tokyo. Daraus resultiert noch heute, dass im Hombu-Dojo keine Waffen in allgemeiner Praxis gelehrt werden. Überdies hätten die Waffentechniken ohne die anhaltenden Bemühungen von SAITO Sensei - durch das Medium seiner Bücher und seine zahlreichen Lehrreisen über die Jahre hinweg - so wie sie von Morihei UESHIBA nach dem Krieg entwickelt wurden, mit Sicherheit nicht überlebt.

Die Waffentechniken, wie sie heute existieren und im Iwama Ryu gelehrt werden, benutzen als Grundlage die vom Begründer festgehaltenen Übungen. Insbesondere die 31 Bewegungen der Jo Kata und die Kumitachi (Partnerformen mir dem Schwert) wurden weitergegeben und sind in ihrer ursprünglichen Form erhalten geblieben. Der Ursprung des Ken Awase (Schwertformen paarweise) ist bereits in O Senseis Buch Budo von 1938 zu sehen. Folglich sind das, was SAITO Sensei in sein gegenwärtiges Waffenprogramm aufgenommen hat, Übungen, die der Begründer aus dem Ergebnis seiner äußerst umfangreichen Experimente entwickelte. SAITO Sensei übertrug diese Ken- und Jo-Bewegungen in Kataformen zum sowohl allein, als auch mit dem Partner zu üben. Dieses macht das Iwama-Stil-Waffentraining aus, wie es in der ganzen Welt bekannt ist.

Zur Person: Morihiro SAITO Sensei

Morihiro SAITO wurde im März 1928 in der  Ibaraki Präfektur geboren. Eben dort  traf er im Juli 1946 zum erstenmal mit Meister Morihei UESHIBA, dem Begründer des Aikido, zusammen und wurde von jetzt an sein Schüler im Ibaraki Dojo in Iwama (Iwama ist eine kleine Stadt mit ca. 20.000 Einwohnern, etwa 2 Stunden Bahnreise entfernt, im Norden von Tokyo). Er lebte im Dojo und arbeitete täglich für seinen Lehrer, obwohl er gleichzeitig einer regelmäßigen Arbeit nachging. Sein Wunsch, Aikido zu erlernen, war so intensiv und seine Ergebenheit zu Meister UESHIBA so tief, dass er nach seiner Heirat seine Frau verließ, um mit seinem Lehrer zu trainieren. Mit der Neujahresfeier 1959 wurde er Lehrer im Hauptdojo in Tokyo. Durch seine  Stunden am Sonntagmorgen zog er dort viele Schüler durch seine beeindruckende Persönlichkeit und seinen Enthusiasmus für das Aikido an. Nachdem der Begründer gestorben war, übernahm Morihiro SAITO im April 1969 die Leitung des Ibaraki Dojo in Iwama, die er bis zu seinem Tod im Jahre 2002 innehatte. Zusammen mit seiner Frau kümmerte er sich auch um den Aiki-Schrein neben dem Dojo. Meister SAITO reist aber auch in viele andere Länder, um das ursprüngliche Aikido, so wie er es von Morihei UESHIBA übernahm, zu lehren. Auf diesen Reisen kam SAITO Sensei in den letzten Jahren auch immer nach Deutschland (Berlin, Nidda und Waldkraiburg).

Im Jahre 1994 erschien der erste Band aus der Reihe einer neuen Buchserie, die SAITO Sensei neu veröffentlicht. Der erste Band  "Takemusu Aiki - Basics" befasst sich mit dem kompletten Programm der Bodentechniken. Band 2 und 3 "More Basics" beschreibt alle Basistechniken des Takemusu Aiki. Band 4 umfasst die Formen des Kokyo Nage. Band 5 beinhaltet Bukidori und Ninindori. Der letzte Band der Reihe besteht aus einer Neuauflage von O Senseis  einzigem Lehrbuch, “Budo” von 1938, mit SAITO Senseis Kommentierungen und Anmerkungen.